Vom Zerbruch zum Aufbruch
Sigrid Baron
Die alte Frau saß am Fenster. Ein stilles Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie das kleine Kind, das zufrieden schlafend auf ihrem Schoß lag, anblickte. Sie strich dem Jungen zart über den Kopf. Nein, es war nicht ihr Enkelkind aus direkter Linie ihrer eigenen Söhne. Und doch: sie hatte einen großen Anteil an der Geburt dieses Kindes.

Sie blickte aus dem Fenster über die weiten Getreidefelder, die sich langsam golden färbten und ihre Gedanken gingen die lange Straße ihres Lebens zurück.
Ihre Eltern hatten ihr den Namen Naomi gegeben, damals, vor so langer Zeit. Ein Name, der „meine Freude“ oder „lieblich“ bedeutet. Dieser Name hatte ihrem Wesen entsprochen. Als sie erwachsen wurde, hatte sie Elimelech geheiratet. Sie hatte ihn geliebt. Und er sie. Auch sein Name war von großer Bedeutung und hatte ihr immer gut gefallen: „mein Gott ist König“. Ja, das sollte damals ihr Lebensprogramm sein, davon waren sie beide überzeugt gewesen. Gott allein sollte König sein in ihren Entscheidungen, in ihrer Familie und auf allen ihren Wegen.
Wer kennt sie nicht? Naomi, die Schwiegermutter der Rut und Mit-Hauptdarstellerin in einer der ergreifendsten Begebenheiten, die uns die Bibel berichtet. Naomi lebt in Bethlehem und bringt zwei Söhne zur Welt. Den einen nennen sie Machlon, was „krank“ und den anderen Kiljon, was „hinfällig“ bedeutet. Denn beide Söhne waren nicht die stärksten und gesündesten gewesen – und ihre Eltern waren stets besorgt um sie.
Bald schon zeichnete sich eine ernsthafte Krise ab: es gab immer weniger Versorgung, immer weniger Nahrung, immer weniger Brot, obwohl sie in Bethlehem, dem „Haus des Brotes“ im Land Juda, dem Land des „Lobpreises“, wohnten. Ihre Zukunft scheint für sie äußerst gefährdet und so trifft das Ehepaar eine folgenschwere Entscheidung: sie ziehen fort in ein fremdes Land, ein Land in Richtung der Wüste, ins Nachbarland Moab.
Naomi kann sich daran erinnern, dass ihr das Einleben in dieses fremde und andersartige Volk sehr schwer gefallen ist. Und nur für kurze Zeit findet die Familie die erhoffte Versorgung, dort, fern der Heimat. Elimelech wird krank und stirbt. Für Naomi ist es ein tief sitzender Schock. Jetzt muss sie allein für sich und die beiden Kinder sorgen, als Witwe in einem heidnischen Land. Aber selbst in dieser Situation denkt sie, dass sie das Alles irgendwie schaffen wird. Die Söhne werden erwachsen und suchen sich Ehefrauen aus ihrer Umgebung, Frauen aus Moab.
Zehn Jahre gehen ins Land. Sie hatte sich damals vorgenommen, diese beiden jungen Frauen zu unterstützen, so gut sie es konnte. Sie wollte einen guten Kontakt zu ihren Schwiegertöchtern aufbauen – und es gelingt ihr. Naomi leidet und weint viel in jenen Tagen. Immer wieder betet sie zu Gott und hofft auf seine Hilfe und sein Eingreifen. Sie will den beiden helfen, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und bald schon hatten die beiden jungen Frauen dies bitter nötig. Denn jeden Monat entdeckten sie aufs Neue, dass sich keine Schwangerschaft einstellen wollte. Oft waren sie am Weinen, manchmal fast am Verzweifeln. Wie gut Naomi sie verstand. Nein, sie hatte keine Antwort auf die drängenden Fragen, sie konnte nur die Tränen trocknen und die jungen Ehepaare immer wieder ermutigen, die Hoffnung nicht aufzugeben.
Doch bald schon kommt eine neue Tragödie in ihr Leben. Die Prüfungszeit ist noch nicht zu Ende. Ihr Sohn Machlon wird krank, und die Hoffnung auf Besserung schwindet immer mehr. Er stirbt und bald darauf auch ihr zweiter Sohn Kiljon. Alles, was in und um Naomi erschüttert werden konnte, wurde erschüttert. Welch eine Tragödie.
Die Frau am Fenster seufzt unhörbar und lauscht etwas in sich hinein: Ja, das war eine schlimme Zeit, damals, eine dunkle Zeit. Ihr Leben schien am Ende zu sein. Es gab keinen Ausweg. Wofür sollte sie jetzt noch leben? Wo war der Sinn in diesem Ganzen? Womit hatte sie das verdient? Vor ihr lagen nichts anderes als Elend, Armut und Not. Doch das Schlimmste war gewesen, als sie damals feststellte, wie sich ihr Herz immer mehr verhärtet hatte und sie bitter geworden war. Eine bittere Frau! Nie im Leben hätte sie das von sich gedacht, nie im Entferntesten von sich erwartet. Ja, sie hatte gegen Gott geklagt und gemurrt. Sie wurde von den immer wieder auf sie einprasselnden Fragen nach dem „Warum“ geplagt, und fand doch keine Antwort. Bitterkeit hatte in ihrem Herzen Wurzeln geschlagen und wucherte wie Unkraut.
Dann, inmitten ihres Ringens mit der Verzweiflung, hatte sie sich an Zuhause erinnert, an ihre Heimat, an Bethlehem, die Stadt ihrer Väter. Und sie hatte gehört, dass die Zeit der Not in Bethlehem schon lange vorbei sei. Es gab wieder Brot. Was sollte sie hier noch halten? Nein, noch nicht einmal begraben sein wollte sie hier.

Naomi lächelt still in sich hinein. Nun, damals war es zunächst nur ein kleiner Gedanke gewesen, den sie wahrgenommen hatte. Nicht mehr als ein kurzer Gedankenblitz. Doch immer mehr reifte dieser Entschluss in ihrem Herzen: Ja! Ich werde nach Hause gehen! Sie erinnert sich an den Tag, an dem sie den beiden Schwiegertöchtern, die schon so früh Witwen geworden waren, ihren Beschluss mitgeteilt und mit dem Packen begonnen hatte. Zu Naomis Überraschung wollten sie sich nicht davon abbringen lassen, sie zu begleiten. Und letztlich hatte sie ihrem Drängen nachgegeben. Zu dritt hatten sie sich auf den Weg gemacht.
Unterwegs hatte sie immer wieder über die beiden jungen Frauen nachgedacht und ihnen zugeredet, doch in ihrer Heimat zu bleiben. Sie weiß noch heute, wie sie mit aller Überzeugungskraft immer und immer wieder riet, doch wieder umzukehren, um noch einmal zu heiraten und eine Familie in ihrer Heimat und ihrem Volk zu gründen (Rut 1,11-14). Es sind bewegende Stunden, die sie unterwegs sind, sprechen und zusammen weinen. Orpa nimmt schließlich ihren Rat an und entscheidet sich, zu ihrem Volk zurückzukehren, doch Rut weigert sich standhaft. Sie will und muss bei Naomi bleiben (Rut 1,16-17).
So waren sie damals zusammen in Bethlehem angekommen und hatten für große Aufregung gesorgt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, dass Naomi zurückgekehrt sei, und viele kamen, um sie zu begrüßen. Doch es gab nicht viel Gutes, was sie damals zu berichten wusste. Weinend und mit leeren Händen war sie zurückgekommen… Nein! Nicht mit leeren Händen – sie hatte eine junge Frau bei sich, eine ernsthafte, treue und aufrichtige junge Frau. Und dafür dankte sie bis heute dem Gott ihrer Väter und dem Allmächtigen, der sie hierher zurück gebracht hatte. Aber da war auch noch dieses Andere zu berichten…
Wenn wir die Lebensgeschichte dieser Frau betrachten, die Gott so wichtig ist, dass er uns in seinem Wort ausführlich daran Teil haben lässt, so werden wir feststellen, dass Naomi in dieser Situation an einen weiterem tragischen Punkt in ihrem Leben ankommt. Als sie das Altvertraute ihrer Heimat, die Häuser, die Menschen wieder sieht, bricht es wie ein lang angestauter See bitteren Wassers aus ihr heraus. Sie bekennt im Stadttor vor Gott und Menschen ihre innere Verfassung: „Nennt mich nicht Naomi, nennt mich Mara! Denn der Allmächtige hat mir sehr bitteres Leid zugefügt. Voll bin ich gegangen, und leer hat mich der Herr zurückkehren lassen. Warum nennt ihr mich Naomi, da der Herr gegen mich ausgesagt und der Allmächtige mir Böses getan hat?“
Der Damm, den sie mühsam aufrecht zu halten versucht hatte, war gebrochen. Sie war am Endpunkt angekommen. Sie war wieder in ihrer Heimat. Sie war wieder am Ausgangspunkt, an dem sie vor so vielen Jahren in ihr Leben gestartet war – und doch: sie war am Ende.
Doch für Gott bedeutete Naomis Situation keinesfalls den Endpunkt, sondern einen neuen Anfangspunkt. Etwas Neues sollte in ihrem Leben beginnen. Etwas Größeres als Naomi jemals erahnen konnte.
Gott war nicht überrascht über ihre Worte, ihr Murren und ihre bittere Anklage. Er war nicht überrascht über ihre Vorwürfe. Er hatte all dies schon längst in ihrem Herzen gesehen. Er wusste, was in ihrem Herzen verborgen war. Er kannte Naomi. Er liebte sie. Und er hatte sie in einen Läuterungsprozess hineingenommen, der nun bald ein Ende finden sollte.
An Naomis Leben und der Führung Gottes darin sehen wir seine unumstößlichen Zukunftspläne, sein Handeln an seinem Volk und der ganzen Menschheit, denn er hatte die Rettung (den „Löser“) vorbereitet.
Man erzählt sich, dass bei der Läuterung von Silber der Schmelzprozess dann als beendet angesehen wurde, wenn der Schmelzer sein Spiegelbild in der Oberfläche des Silbers erkennen konnte. Der Schmelzer beobachtete das Gefäß mit dem erhitzten Metall sehr genau. Er wartete auf einen bestimmten Zeitpunkt. Wenn das flüssige Metall sich beruhigt hatte, entstand eine glatte Oberfläche, in der er sein Bild, wie in einem Spiegel, erkennen konnte.

So beobachtet uns auch Gott, in den Reinigungs- und Läuterungsprozessen unseres Lebens. Er wartet, bis wir zur Ruhe gekommen sind, unser Klagen ein Ende gefunden hat und wir ganz still geworden sind. Dann ist die Prüfung zu Ende und etwas Neues, Gereinigtes, Edles kann er verwenden. Gott möchte uns immer mehr in sein Bild umgestalten, er arbeitet ständig in und an uns.
Oft verstehen wir seine Wege nicht und die Warum-Fragen unseres Lebens machen es uns schwer. Klagen, Jammern und Murren in all seinen Formen kann unser Glaubensleben sehr öde und mühsam machen. Und ein mühsames, unglückliches Leben raubt uns alle Freude. In der Bibel heißt es: „Prüfe mich, und sieh, ob ich auf Wegen der Mühsal wandle.“
Aus eigenen, sehr leidvollen Erfahrungen weiß ich, wie schnell Bitterkeit und Murren aus der Tiefe meines Herzens aufsteigen können.
Unser Sohn Johannes hörte an seinem sechsten Lebenstag auf zu atmen. Er musste reanimiert werden und von da an benötigte er einen Überwachungsmonitor. Sein Leben war immer und immer wieder die Zielscheibe des Feindes, und er traf nicht nur ihn, sondern jedes Mal traf er auch uns. Oft mussten wir ihn als Notfall in die Klinik bringen und noch heute ist er gegen die Übergriffe und Attacken des Feindes nicht gefeit. Es waren heftige Attacken des teufels und ich bemerkte, wie der Feind am meisten an meinem Herzen interessiert war und immer wieder Gottes Handeln mit mir und unserem Sohn in Frage stellte.
Siehst du, sobald die Hitze der Bedrängnis kommt, beginnt es in uns buchstäblich zu brodeln. Der Druck wird stärker, je weniger Kontrolle wir auf die Umstände ausüben können. Die Temperatur steigt fast ins Unermessliche, wenn wir fasten und beten und es uns doch so vorkommt, als würde Gott zu all dem schweigen. So schnell sehen wir nur noch das Tragische und Negative unserer Situation. Doch das, was wir anschauen, wird uns, unser Denken und unser Leben prägen. Und Gott sucht Menschen des Glaubens!
Der Feind versucht immer, uns in Sklaverei zu halten und uns an die Ketten der Vergangenheit zu binden, damit wir unser Potential nicht erreichen und keinesfalls in unserer Berufung, die Gott in uns gelegt hat, vorwärts gehen können.
Heute kann es einen Tag des Neuanfangs in deinem Leben geben! Der Neuanfang ist immer gekennzeichnet durch eine Haltung von Demut, von Bekennen, von Buße und Umkehr zu einem neuen Leben in Gott.
Wir brauchen Menschen, deren Leben ein Zeugnis davon ist, dass Gott uns durchträgt. Naomi ist für mich solch ein Mensch.
- Naomi, die gerade wegen ihrer Zerbrochenheit für Gott verfügbar war und die er in einer Weise einsetzen konnte, die weit über ihr eigentliches Leben hinaus Bedeutung hatte.
- Naomi, die sich aus Zerbrochenheit aufgemacht hatte, umgekehrt war und wieder nach Hause kam.
- Naomi, die in einer freundschaftlichen, mütterlichen und liebevollen Beziehung lebte, daran reifen konnte und Frucht sah.
- Naomi, eine alt gewordene Frau, die sich für neue Aufgaben zur Verfügung stellte.
- Naomi, die in einer ganz neuen, spannenden Berufung Gott dienen durfte.
- Naomi, eine zutiefst gläubige Frau, die in ihrem Herzen davon überzeugt war, dass Gott, der Allmächtige, ihr Leben in seiner Hand hielt.
- Naomi, eine Frau, die in Weisheit einer jüngeren Frau diente und ihr riet, ohne selbst auf Profit aus zu sein.
Deshalb möchte ich dir sagen: Gottes Wunsch für dich heute ist echter Friede! Das heißt: Ganz sein, vollständig sein, in Übereinstimmung mit dem Herrn leben und in Einklang mit sich selbst. Loslassen der Vergangenheit und ein neues Einlassen auf Gottes Wirken, denn: „alle Dinge müssen denen, die Gott lieben, zum Besten mitwirken“. Liebst du ihn? Komm zur Ruhe, lass zu, dass er sein Angesicht in dir sehen kann.
Seine Wege habe ich gesehen und werde es heilen. Und ich werde es leiten und ihm Tröstungen gewähren und seinen Trauernden die Frucht der Lippen schaffen. Friede, Friede den Fernen und den Nahen! spricht der HERR. Ich will es heilen.
Jesaja 57,18-19
Das Rhema-Wort für dich: Das Beste liegt noch vor dir!
© Sigrid und Martin Baron
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- Einmal Emmaus und zurück.
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- Freude an einem Tag wie diesem.
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- Maria - Neubeginn.
- Ohne Kampf kein Sieg.
- Unterwegs in das Land der Verheißung.
- Vom Zerbruch zum Aufbruch.
- Was feiern wir an Weihnachten.
- Zeit.