Unterwegs in das Land der Verheißung

Martin Baron
Die Kinder Israels waren unterwegs. Schon seit Monaten. Sie waren unterwegs, heraus aus der Sklaverei, aus der Gebundenheit, aus Besitzlosigkeit und Fremdherrschaft, in ein Land, das Gott ihnen versprochen hatte. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen sollten. Ein Land der Freiheit, ein Land, das ihnen gehörte. Ein Land des Besitzes und der Versorgung.
Sie waren unterwegs in das Land ihrer Verheißung.
In geradezu epischer Breite, wie bei kaum einer zweiten biblischen Begebenheit – vergleichen wir sie beispielsweise einmal mit dem Raum, den die Schöpfungsgeschichte einnimmt –, wird uns im Alten Testament die Situation der Israeliten während der Wüstenwanderung geschildert. Und ihr tragischer Verlauf, der uns, wie das Neue Testament berichtet, zur Ermahnung aufgeschrieben ist (1.Korinther 10,6+11). Warum? Weil genau diese Begebenheiten von einst im Natürlichen ein Bild dafür sind, was uns als Volk Gottes heute im Geistlichen widerfährt.
Der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten, die Wüstenwanderung und die Einnahme des gelobten Landes, sind ein gewaltiges Muster für das Leben eines jeden Menschen, der Gott von Herzen nachfolgt. Das, was damals geschah, ist bis heute wie ein Vorbild, wie ein Beispiel, für unseren Wandel als Kinder Gottes und die Gefahren, die auf der Wanderung lauern.
Herausgerufen aus dem Land der Sklaverei, der Sünde, unserem „Ägypten“, sind wir unterwegs in das Land, das Gott uns verheißen hat. Ich bin absolut sicher: er hat für jeden einzelnen von uns ein Land des Segens und der Versorgung, ein Land, in dem er uns das, was er uns versprochen hat, wirklich zukommen lassen will. Ein Land, zu dem wir uns aufmachen müssen und das wir aktiv einnehmen sollen. Dieses Land kann für jeden einzelnen indes sehr unterschiedlich aussehen. Doch wenn wir nachdenken, wissen wir meistens sofort, wohin wir, geistlich gesehen, unterwegs sind und was Gott uns verheißen hat. Tief im Herzen wissen wir es. Zum Beispiel in ein Land mit psychischer und körperlicher Gesundheit, mit Versorgung, geheilten Beziehungen, Effektivität in unserem Bemühen, Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen, mit Wachstum, Segen auf dem Werk unserer Hände, einem wirkungsvollen geistlichen Dienst, und, und, und.
Damals beim Volk Israel führte der Weg zu diesem Land durch die Wüste. Und heute ist es für uns nicht anders. Zwischen unserem „alten Leben“ und dem, was Gott für uns vorbereitet hat, liegt die Wüste. Ist dir das auch schon einmal aufgefallen? Jeder Mensch, der Jesus nachfolgen will, muss durch seine persönliche Wüste – wie auch immer diese aussehen mag. Mose musste in die Wüste. Josef, David, Elia, Paulus, Jesus. Und viele, viele mehr.
Es hat seinen Sinn, dass Gott uns in die Wüste führt – und in der Tat, es ist nicht der teufel, der dies in niederträchtiger Absicht tut, sondern es ist Gott selbst und seine Absichten sind absolut positiv –, denn wenn wir dort unterwegs sind, „on a dusty road“, werden wir erprobt, werden wir trainiert, werden wir fit gemacht, um unser gelobtes Land überhaupt erst einnehmen zu können.
Auch wenn wir es nicht gerne hören wollen: die Wüste ist für uns zwingend notwendig. Wir brauchen diese Zeit der Vorbereitung, der Prüfung und des Wachstums. Wir brauchen diese Zeit, in der wir Gott erkennen, ihm begegnen, in der wir kampferprobt werden und erstarken.

Jeder von uns hat seinen eigenen Weg durch seine eigene Wüste. Die eigentliche Problematik unserer Zeit in der Wüste ist nicht der Mangel, ist nicht die Entbehrung, ist nicht die Hitze am Tag oder die Kälte in der Nacht, ist auch nicht der schneidende Wind, der Staub oder die Unmöglichkeit, hier siedeln, wohnen oder leben zu können. Es ist vielmehr der Kampf in unseren Gedanken. Die eigentliche Schlacht findet in unserem Kopf statt. Der feind will uns, anknüpfend an die negativen Umstände, die Probleme und den Mangel um uns herum, gedanklich in Versuchung führen. Immer wieder und wieder bietet er uns Gedanken an, diesem ätzenden Wüsten-Irrsinn doch schnellstmöglich ein Ende zu machen. Er will unser Denken infiltrieren und unseren Glauben untergraben. Er will, dass wir auf die Umstände schauen und nicht auf die Verheißung. Und das klingt dann beispielsweise so:
„Das kann ja gar nicht Gottes Wille sein, was dir hier widerfährt. Du bist völlig auf dem falschen Weg. Hier läuft doch was schief. Stopp. Alle Mann zurück. Lieber in Ägypten als Sklave leben, als sich diesen Umständen länger auszusetzen. Wenn das hier das ist, was Gott für dich bereitet hat, dann besser: Nein Danke! Rückwärts marsch!“
Oder alternativ:
„Du kannst nicht mehr! Gib auf. Setz dich hin. Steck den Kopf in den reichlich vorhandenen Sand und mach Schluss. Das lohnt sich doch alles überhaupt nicht! Was soll das eigentlich alles? Mach Schluss mit diesem Gott, der sagt, dass er dich liebt und dann gleichzeitig so etwas zulässt. Das stimmt alles nicht. Es ist so sinnlos. Mach all dem ein Ende!“
Oder alternativ:
„Nix wie weg hier, egal wohin, nur weg von hier. Lauf weg! Schau dir deine Situation doch einmal an. Überall ist es besser als hier. Geh sonstwohin, mach sonstwas, aber renn raus aus dieser Wüste, je schneller, je besser. Flieh aus diesen Umständen, tu dir das nicht länger an!“
Kennst du diese oder ähnliche Gedanken? Die Versuchung liegt darin, inmitten der problematischen Umstände und der Bedrängnis aufzugeben, alles hinzuwerfen, wegzulaufen oder umzukehren – siehe das Volk Israel damals. Die Umstände waren ätzend, die Probleme erschienen berghoch, die Schwierigkeiten unüberwindbar.
Und uns geht es ganz genauso. Fröhlich machen wir uns mit dem Herrn auf den Weg, raus aus der Gebundenheit, raus aus der Sünde, raus aus der Fremdherrschaft, raus aus Ägypten … und finden uns prompt in der Wüste wieder.
„Äh, Herr – bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“ „Goldrichtig, mein Kind. Hier werden wir dir aus der Sklavenmentalität heraushelfen die dein Leben bisher geprägt hat, hier werden wir dir aus dem ägyptischen Leben und Denken heraushelfen und dich zu einem echten Kämpfer für das Reich Gottes machen. Zu jemand, der belastbar, erprobt und furchtlos ist und der das Land, das ich ihm verheißen habe, auch tatsächlich einnehmen kann! Hier wirst du zu einem echten Mann Gottes, zu einer echten Frau Gottes!“
Und wenn es dann heiß wird, drückend wird, der Weg gar zu lang dauert und uns bewusst wird, dass wir uns das ja eigentlich alles ganz anders vorgestellt haben, dann plötzlich ist er da, der Feind. Mit Gedanken, die ganz leise und unerwartet angeflogen kommen. Gedanken, dass das ja wirklich zu blöde ist, mit dieser Wüste, mit diesem endlosen Weg, mit dieser Quälerei. Und er malt uns die Dissonanz zwischen dem, was Gott uns verheißen hat und dem, was wir ganz real – sozusagen „live“ – hier und heute erleben, drastisch aus. Dabei bleibt wenig Gutes übrig, denn er übertreibt schamlos. Und er spart auch nicht mit Lösungsvorschlägen, wie wir denn am elegantesten aus dieser Wüsten-Misere herauskommen können. Siehe oben. Er bietet das Aufgeben an (Lass uns in der Wüste sterben) oder die Umkehr in die „Welt“ (Zurück nach Ägypten) oder die Flucht oder die Hoffnungslosigkeit oder den Selbstmord oder die Sucht oder die Scheidung oder die Kündigung oder…
Nur eins wird er uns nie vorschlagen: Das Weitergehen. Das Dranbleiben. Das Festhalten. Das Überwinden. Das „Niemals-zurück“!
Doch lassen wir uns nicht entmutigen. Gott ist kein Lügner. Hinter der Wüste liegt es tatsächlich, das Land, das er uns gelobt hat. Es ist keine Fata Morgana. Es ist da. Und es ändert sich und seine Lage auch nicht, nur weil wir auf dem Weg dahin etwas länger brauchen, die Krise schieben oder gerade einmal verzagt sind. Es bleibt immer da, selbst, wenn wir aufgeben sollten und es niemals erreichen würden, weil wir uns entschlossen haben, doch lieber in der Wüste zu sterben. Gottes Versprechen steht bombenfest. Das gelobte Land auch. Wir sind es, die sich bewegen müssen, um dorthin zu kommen. Jeder einzelne von uns.
Und ich bin gewiss: jeder von uns kann es schaffen. Gott hat uns etwas verheißen, das wir tatsächlich erreichen können. Es lohnt sich. Schauen wir nicht auf die Umstände, schauen wir auf die Verheißung des Herrn. Halten wir fest an der Hoffnung. Bleiben wir dran!

Wie wir wissen, hat das Volk Israel damals die Testreihe Gottes nicht bestanden. Ganze zehn Mal hatten sie massiv mit ihren negativen Umständen gehadert, gemurrt und keine oder kaum Buße dafür getan (4. Mose 14,22). Sie hatten das Prinzip nicht verstanden, den Sinn ihrer Zeit in der Wüste nicht kapiert. Das, was der teufel ihnen als „vergiftetes Futter“ in den Gedanken vorwarf, wurde „aufgepickt“ und kam sogleich ungefiltert 1 zu 1 aus ihrem Mund wieder herausgeblubbert. Zum Beispiel:
…Hast du uns etwa deshalb weggeführt, damit wir in der Wüste sterben…? Lass ab von uns, wir wollen den Ägyptern dienen! Es wäre nämlich besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.
2.Mose 14,11-12
Das ganze Gemurre und Gemotze, alle Diskussionen und aller Stress, alle Gedankenspiele, doch wieder umzukehren, zurück in das Sklavendasein, dass man zuvor doch so bitterlich beklagt hatte, spitzte sich immer mehr zu und gipfelten letztlich in einem dramatischen Höhepunkt, an dem die Situation eskalierte. Zwölf Kundschafter hatte Mose ausgesandt um das Land Kanaan auszuspionieren. Als diese nach fast 6 Wochen, reich mit Früchten beladen, zurückkamen, berichteten sie, dass das von Gott versprochene Land absolut super sei, fantastisch, genauso wie verheißen, wunderbar, schlichtweg nicht zu toppen. Allerdings gäbe es da ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Man würde es nämlich leider nicht einnehmen können, das Land, denn der dort ansässige Feind sei viel zu stark. Doing! Ja, Gott hat das zwar verheißen – aber da muss ein Irrtum vorliegen, das wird leider so nicht funktionieren.
Nur zwei von ihnen – Josua und Kaleb – wiesen auf Gottes Zusagen hin und pochten darauf, dass es mit seiner Hilfe und seinem Beistand doch zweifellos möglich sein sollte, den noch so starken Feind aus dem Land zu prügeln. Doch das halsstarrige Volk, von der teuflischen Propaganda bereits infiltriert und in ihrem Denken vergiftet, schenkte ihnen keinen Glauben. Stattdessen schob man kollektiv den Frust, ließ sich in ein depressives Loch fallen, heulte völlig verzweifelt die ganze Nacht (4.Mose 14,1) und versuchte am kommenden Tag gar, die beiden einzigen Personen, die an Gottes Verheißungen festhalten wollten und die nicht bereit waren, umzukehren oder aufzugeben, zu steinigen. Diagnose: ein Zustand des absoluten Unglaubens und der Visionslosigkeit. Das Verrückte daran: Gottes Gegenwart war sichtbar anwesend. Die Wolkensäule am Tag war ebenso da und für jedermann sichtbar wie die Feuersäule in der Nacht. Man brauchte nur den Kopf zu erheben und hätte sie gesehen, die Gegenwart des Herrn.
Doch man ergab sich dem Unglauben und musste als Konsequenz daraus (nach dem Motto: „Dir geschehe nach deinem Glauben“) fortan in der Wüste umherwandern, um letztlich dort zu sterben (4.Mose 14,10f). Erst nach 40 Jahren sollte es der nächsten Generation gestattet sein, das Land gut trainiert und glaubensvoll tatsächlich einnehmen zu können.
Welche Tragik!
Und doch geht es vielen Christen ganz genau so. Sie kommen heraus aus ihrem Ägypten und machen sich mit dem Herrn auf den Weg, aber erreichen aufgrund ihres Kleinglaubens oder Unglaubens niemals das, was Gott eigentlich für sie bereit hat. Sie werden niemals zu den Menschen, durch die Gott das tun kann, was er eigentlich durch sie tun will.
Es ist notwendig (übrigens ein interessantes Wort: „Not-wendend“), dass wir verstehen, dass jeder einzelne von uns in seinem eigenen Glaubensleben in exakt die gleichen Situationen kommen werden, in exakt die gleichen Schwierigkeiten, wie damals die Israeliten.
Wem wirst du glauben? Den negativen, unerquicklichen und „staubigen“ Umständen, die du mit deinen eigenen Augen unmittelbar vor dir siehst? Den Einflüsterungen des Feindes? Dem, was andere sagen, dem, was sie glauben und für möglich halten? Oder doch dem, was Gott dir verheißen hat und weshalb du dich ja eigentlich einst auf diesen Weg gemacht hast?
Lass nicht zu, dass der teufel dich durch seine Gedanken, seine „psychologische Kriegsführung“, zum Stehenbleiben, zum Aufgeben, zum Umkehren bringt.
Die Entscheidung, niemals zurückzugehen, liegt allein bei dir. Vertraue Gott und dem, was er dir für dein Leben versprochen hat. Bleib dran, geh weiter. Kehr nicht um. Irgendwann wird die Wüste zu Ende sein, irgendwann wirst du vor den Toren deines verheißenen Landes stehen… und dann wird der nächste Kampf beginnen. Der Kampf um die Einnahme des Landes.
© Sigrid und Martin Baron
Veröffentlichung unter Quellenangabe „www.gottes-haus.de“ gestattet
Foto oben: stock.xchng (www.sxc.hu)
- Eingeschlossen oder ausgeschlossen.
- Einmal Emmaus und zurück.
- Erfüllt von Freude.
- Freude an einem Tag wie diesem.
- Gold für die Ewigkeit.
- Gottes job-description.
- Kampf und fette Beute.
- Karriere ganz anders.
- Maria - Neubeginn.
- Ohne Kampf kein Sieg.
- Unterwegs in das Land der Verheißung.
- Vom Zerbruch zum Aufbruch.
- Was feiern wir an Weihnachten.
- Zeit.