Maria – Trägerin des Neubeginns

Sigrid Baron
Das neue Heft
Wieder war es passiert! Wieder ein Patzer, der vom Wegrubbeln mit dem blauen Radiergummi eher schlechter wurde und dem Papier an dieser Stelle zu einer fast transparenten Durchsichtigkeit verhalf. Ich klappte mit einem Seufzer das fast volle Heft zu, ohne die vorhandenen Knicke auch nur noch eines einzigen Blickes zu würdigen. Im nächsten Heft sollte alles anders werden, das hatte ich mir fest vorgenommen. Ich würde nur noch „schön“ darin schreiben und keine Fehler mehr machen - oder höchstens nur ganz kleine -, die dann womöglich durchgestrichen, überschrieben oder wieder ausradiert werden mussten. Ich würde am liebsten auch keine roten Verweise der Lehrer mehr darin sehen, keine Knicke, alles sollte bis zur letzten Seite so richtig gut aussehen. Das alte Heft sollte der Vergangenheit angehören – heute würde ich ein neues Heft beginnen. Wie schön diese erste Seite doch war. Ich begann zu schreiben. Langsam, konzentriert und besonders schön. Ein Neubeginn…
Ich bin sicher, dass die meisten von uns diese Situation kennen und dass ich nicht allein mit diesem Kampf um das schöne Schulheft war – obwohl mir jemand sagte, dass dies ein ausschließlich bei Mädchen auftretendes Phänomen wäre.
Diese früher erlebte Situation fiel mir wieder ein, als ich über das Thema „Neubeginn“ nachdachte. Diese kleine Begebenheit ist ein Bild dafür, wie wir Neubeginn oft verstehen. Ein neues und unbeschriebenes Blatt aufschlagen, die Vergangenheit hinter mir lassend, die Fehler und das Versagen nicht mehr bedenkend. Was immer es auch gewesen sein mag: verlorene Kämpfe, mangelnder Glaubensmut, zu wenig Wunder, zu viel Stress, zu wenig umgesetzte Vorsätze vom Jahr zuvor, geplatzte Träume, aufgeriebene Visionen, durchkreuzte Ziele, mangelndes Bewusstsein über die eigene Berufung, zu wenig Gebet, mangelndes Vertrauen, mangelhafte Willensbereitschaft (geschweige denn: Willenseinsatz) usw.
Doch die dritte, vierte, zwanzigste Seite des Heftes schien es dann nicht mehr wert zu sein, die geplanten Vorsätze beizubehalten, weil sich, trotz aller Vorsicht, Knicke und Fehler eingeschlichen hatten. Das Leben mit seinen roten Verweisen hatte uns erwischt und trotz all unserer Vorsicht kräftig zugeschlagen. So fühlt sich Vergangenheit an, so schmecken die Tage des alten Jahres.
Neubeginn - wir alle lieben dieses Wort – mehr oder weniger.
Eigentlich hat es ja etwas Ermutigendes, Erfrischendes und Unbeschwertes. Es trägt in sich eine tiefe Sehnsucht nach etwas Gutem, Vollkommenen. Da wird Hoffnung signalisiert: ich brauche nicht zu bleiben, wie ich bin! Ich kann der Vergangenheit die Macht über meine Gegenwart verweigern. Neubeginn hat für mich etwas mit Herausforderung zu tun, mit Dranbleiben, Ausharren, Nichtaufgeben und Vertrauen, auch wenn alles anders aussieht. Neubeginn hat etwas Kämpferisches, Urwüchsiges und Durchbrechendes. Es ist etwas, das brandneu, nie da gewesen, neu geboren ist.
Siehe, ich wirke Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht?
Jesaja 43,19
Hier geht es um eine Saat, die aufsprosst. Derjenige, der die Saat ausgestreut hat, ist der Herr, dein Erlöser, der Heilige Israels, der Schöpfer, dein König. Er hat etwas Neues für dich in diesem Jahr. Er hat etwas in seinem „Lagerhaus“ für dich vorbereitet, das dich ermutigt, erfrischt, dir neue Vision für dein Leben geben will. Er ist der Gott, der mit dir durch die dunklen Täler deines Lebens gehen will, wie es in Psalm 23 heißt.
Das in der Jahreslosung verwendete Wort „erkennen“ beschreibt im hebräischen Verständnis ein ganzheitliches Erkennen. Dieses Wort wird beispielsweise in 1.Mose 4,1 gebraucht:
Und der Mensch erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger…
Dieses „Erkennen“ ist mehr, als nur ein oberflächliches „Wahrnehmen“ oder „Anschauen“. Es spricht von einer tiefen Beziehung, einer Intimität zwischen dem Volk und seinem Gott, einer tiefen Liebe, herzlichem Erbarmen, Zuwendung, Gnade, Versorgung und Heilung. Beachte, dass in Matthäus 1,25 über Josef berichtet wird: … und er erkannte sie [Maria] nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte; und er nannte seinen Namen Jesus!
Ich finde das interessant. Er erkannte sie nicht, weil Gott sie durch den heiligen Geist bereits erkannt hatte und sie etwas Göttliches in sich trug, das zur Geburt gebracht werden sollte.
Der ultimativste Neubeginn aller Zeiten

Wenn ich über dem jeweiligen Thema unserer „Gottes-Haus“-Briefe arbeite, versuche ich herauszufinden, bei welcher biblischen Person ich dieses Thema wiederfinden kann. Ich glaube, dass die ganze Bibel voll ist mit Berichten über Menschen, die einen Neubeginn in ihrem Leben erfuhren, die „Wolke der Zeugen“. Aber den ultimativen Neubeginn in seiner ganzen Größe finden wir erst im Kommen Jesu in unsere Welt. Es ist der Höhepunkt von Gottes Handeln mit und an uns Menschen.
Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau…
Galater 4,4
Deshalb ist für mich eine Schlüsselperson zum Thema „Neubeginn“ Maria, die Mutter Jesu. Vielleicht denkst du: die Weihnachtsgeschichte – das muss aber jetzt wirklich nicht sein! Doch ich denke, dass es sich lohnt, Maria ein Stückchen zu begleiten.
In der frühen Christenheit wurde nur wenig von ihr gesprochen. Im Zentrum aller Verkündigung stand immer Jesus allein. Später haben Kirchenfürsten, Konzile, Maler und Dichter Maria viele Gesichter aufgedrückt. Hinter diesen verschiedenen Bildern – mit den unterschiedlichsten Erwartungen gefüllt – verschwand das vielleicht erst 16-jährige Mädchen bis zur Unkenntlichkeit.
Ihre Familie war wahrscheinlich eine arme, aber fromme Handwerkerfamilie, die Brauch und Sitte des Volkes Israel streng einhielt. Maria stand fest in diesen Dingen. In ihr lebte der starke Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. In ihr lebte die Sehnsucht ihres Volkes nach dem verheißenen Messias. Die jüdischen Frauen mussten das Gesetz gut kennen, denn ihre Aufgabe war es, der Familie zu dienen, die Kinder unter dem Gesetz zu erziehen und mitzuhelfen, dass sie darin unterwiesen wurden.
Mitten hinein in ihren Alltag sandte Gott einen Engel mit einer Botschaft, die so unfassbar groß und überwältigend war - menschlich gesehen geradezu verrückt -, dass sie jeden Rahmen von Marias bisherigem Leben zu sprengen schien.
Ich habe mich gefragt, was wir mit den Botschaften Gottes – wenn wir denn solche haben – in unserem Leben anfangen? Was würdest du tun, wenn Gott dir einen Engel direkt in deinen „alltäglichen Alltag“ mit all seinen Aufs und Abs sendet? Was würdest du tun mit einer Botschaft, die dein Denken, deine Erwartungen und deine Möglichkeiten bei weitem zu übersteigen scheint? Was würdest du tun, wenn du dein Leben ganz anders geplant hattest?
Vielleicht empfand das auch Maria, denn der Engel sprach sie an mit:
Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden.
Lukas 1,30
Gnade bei Gott! Welch ein Vorecht! Ich bin mir sicher, dass Gott diese Worte auch zu dir sagt: „Du viel geliebter Mann, du viel geliebte Frau, du hast Gnade bei mir gefunden!“. Das ist der Zuspruch für dich – heute! Gott sagt zu dir: „Ich kenne dich, ich rufe dich mit deinem Namen. Ich kenne deine Bedrängnis, deine Angst, deine Enttäuschung und deine Verletzung. Und doch sage ich dir: vertraue dich mir an, ich habe etwas Neues für dich vorbereitet!“
Maria setzte ihr ganzes Vertrauen auf Gott, obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – alles neu und unberechenbar für sie war. Sie hatte so etwas noch nie erlebt, konnte also nicht auf irgendwelche Erfahrungen zurückgreifen. Was bedeutete es, dass der Heilige Geist in ihr etwas zur Geburt bringen würde?
Deine und meine persönliche Heilsgeschichte ist mit dem „Ja“ dieser Frau zu Gottes Plänen mit ihrem Leben verbunden. Denn durch dieses „Ja“ entschied sie sich, ihren Teil zu Gottes Absichten beizutragen. Ich denke, dass sie ein tiefer Glaube durchströmte, als der Engel sagte:
Denn kein Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos sein!
Lukas 1,37
Und diesen Glauben würde sie in ihrem Leben auch nötig haben. Doch sie war mutig – und demütig! Sie vertraute Gott und antwortete:
Siehe, ich bin die Magd des Herrn, es geschehe mir nach deinem Wort!
Lukas 1,38
Dann besuchte sie Elisabeth. Sie hatte unbedingt mit ihr sprechen müssen. Mit jemandem, der sie verstand, der ein ähnliches Wunder gerade jetzt auch erlebte. Während der Zeit bei Elisabeth konnte sie innerlich und äußerlich auftanken, aber irgendwann kam die Zeit, in der sie wieder in ihrer gewohnten, alten Umgebung – mit ihrer hohen und von den anderen nicht verstandenen Berufung – leben musste. An diesem Punkt war die Spannung in ihrem Leben besonders groß. Innerlich war sie felsenfest von dem einzigartigen Plan Gottes für ihr Leben überzeugt, doch äußerlich erlebte sie eine schmerzhafte, ungewisse, im Natürlichen feststeckende Situation. Menschen, die Mühe hatten mit ihren Aussagen über das, was mit ihr geschehen war und die darin schlichtweg überfordert waren. Die Verankerung im Gesetz Gottes einerseits und die offensichtliche Schwangerschaft andererseits, führten selbst Josef zu Rückzugsgedanken:
Josef aber, ihr Mann… gedachte sie heimlich zu entlassen.
Matthäus 1,19
Unverständnis bei den Eltern, Gerede der Nachbarn, Blicke und Getuschel bei den Leuten in ihrer Umgebung. In Marias Leben kam es zu erheblichem Widerstand, zu Problemen, Schmerzen, Ablehnung und Ausgrenzung … Warum? Gerade deshalb, weil Gott in ihr übernatürlich etwas Neues zur Geburt bringen wollte und sie „Ja“ dazu gesagt hatte. Gerade deshalb, weil es sich hier nicht um einen „natürlichen“ und für jedermann verständlichen Vorgang handelte. Es war eine sehr schmerzhafte Zeit für sie. Auch später musste sie von dem Propheten Simeon Worte hören, die sie bis ins Innerste ihres Herzens trafen:
…und auch deine Seele wird ein Schwert durchdringen.
Lukas 2,35
Neubeginn mit einer lebendigen Hoffnung

Ich glaube, dass Marias Begegnungen mit dem Engel, den Hirten als Zeugen von Gottes Worten, den Weisen mit ihren Geschenken und den Botschaften der Propheten in Maria eine tiefe Überzeugung von Gottes Handeln mit ihr schufen. In ihr lebte die Gewissheit, dass der Herr etwas Neues mit ihr begonnen hatte, und dass er es auch vollenden würde. Sie war die „Trägerin“ eines echten Neubeginns.
Sie erkannte nicht alles auf einen Blick, ihre Sicht und ihr Verständnis waren sicherlich eher bruchstückhaft. Doch sie wich nicht von ihrem Entschluss ab, an den zu glauben, der Ströme durch die Einöde und einen Weg durch die Wüste legen würde (Jesaja 43,19). Glaubst du das auch für dich? Glaubst du, dass Gott einen Weg im Meer geben kann und einen Pfad in mächtigen Wassern (Vers 16)? Glaubst du, dass er die Feinde deines Lebens (Vers 17) besiegen wird?
Gott sucht nach Menschen, die voller Kühnheit und Glauben sind, um seine Pläne zur Geburt zu bringen. Es kann sein, dass du heraustreten musst aus deinem Jetzigen und Bekannten, hinein in das Neue und Unbekannte des Herrn. Er wird es dir offenbaren, du wirst es in einer engen Beziehung zu ihm erkennen und verstehen. Vielleicht ist es nötig, dass du bestimmte praktische Schritte zur Veränderung deines Lebens tun musst. Vielleicht ist es nötig, dass du dich von Dingen, Angewohnheiten oder schlechten Beziehungen trennen musst. Vielleicht ist es nötig, dass du bestimmten Süchten oder Gedanken nicht mehr nachgehst. Es kann auch sein, dass du deine Haltung von Enttäuschung, Verbitterung und Vorwürfen (auch gegen Gott) unter die Vergebung durch das Blut Jesu stellen musst. Oder deinen Alltagsablauf neu ordnest. Verzicht oder Loslassen bestimmter Gewohnheiten fällt uns schwer und der feind benutzt beides gerne, um uns zu bedrängen und letztlich in der Gefangenschaft zu behalten. Doch es liegt an dir, ob du dein „Nein“ zu bestimmten Dingen aktivierst! Alles beginnt mit deinem freien Willen und einem Entschluss dazu, ihn einzusetzen.
Es gibt viele Menschen, die gerne alles Gott zuschieben: „Der Herr muss dies oder das tun…!“ Nein: du selbst musst dies oder das in deinem Leben anpacken und einem Veränderungsprozess aussetzen. Der Herr wird dir sicher zur Seite stehen und dir Gelingen schenken, aber er erwartet, dass du selbst losgehst.
Gott rüstet dich aus. Er sucht dein williges Herz, das im Vertrauen auf ihn handelt und überzeugt davon ist, dass das, was bei Menschen unmöglich ist, möglich ist bei ihm.
Er sucht dein Herz, das bereit ist für einen Neubeginn.
© Sigrid und Martin Baron
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- Maria - Neubeginn.
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