Karriere – ganz anders

Martin Baron

Ein typisches Beispiel für einen Fall eines von Gott vorgesehenen Zeitpunktes im Leben eines Menschen finden wir in der biblischen Geschichte von Josef. Nachzulesen in 1. Mose in den Kapiteln 37 bis 50.

Ab dem zarten Alter von etwa 17 Jahren jagte in seinem Leben eine äußerst derbe Enttäuschung die nächste. Gott schenkte ihm durch seine beiden Träume eine Vision für sein Leben, aber durch das, was folgen sollte, schien diese Vision über viele Jahre geradezu ad absurdum geführt zu sein. Zunächst begegnete ihm der aberwitzige Neid der eigenen Brüder – kennst du es vielleicht auch, dass sich die „Brüder“ gegen einen stellen? -  eine tief sitzende Missgunst, die sich zu glatter Todesgefahr ausweitete. Dann wurde er seiner Kleidung beraubt, was ein interessanter geistlicher Aspekt ist, denn Kleidung steht für Schutz, Persönlichkeit und Position, für Status, für Ansehen. All das wurde ihm genommen und zu seinem eigenen Entsetzen stolperte er plötzlich als Sklave inmitten einer midianitischen Karawane nach Ägypten, dem gnadenlosen „Schmelzofen“, wie das Land mehrfach in der Bibel genannt wird. Als Sklave war der ehemalige Lieblingssohn nun geradezu eine Un-Person, völlig ohne Rechte und ohne Sicherheiten.

Nach einigen katastrophalen Tiefschlägen landet er letztlich im Gefängnis. Wir müssen verstehen, was das bedeutet. Ein ägyptisches Gefängnis im zweiten vorchristlichen Jahrtausend war ein entsetzlicher Ort des Grauens. Ein Ort der Hilflosigkeit, der Folter, des Todes. Es war ein Ort der Finsternis. Ein Ort, aus dem es kein Entrinnen gab. Es wurde Josef zur Last gelegt, dass er sich an seinen Besitzern hatte vergreifen wollen, ein todeswürdiges Vergehen.

Seine Situation war mehr als furchtbar, sie war entsetzlich hoffnungslos. Denn er war völlig rechtlos, völlig unbekannt und von den Menschen vergessen. Ich glaube nicht, dass er ernsthaft zu hoffen wagte, aus dem Gefängnis lebend herauskommen zu können. Menschlich gesehen also: das absolute Ende! Er stand vor dem Prellbock. Dumm gelaufen. Und nun?

Jahre vergingen – viele Jahre. Und ebenso wie das Unglück– zu einem von Gott gegebenen Zeitpunkt - einst aus heiterem Himmel über ihn hereingebrochen war, so überschlugen sich nach diesen Jahren der Stagnation urplötzlich erneut die Ereignisse. Nach unerwarteten, sich schier überstürzenden Begebenheiten, wurde er schlagartig aus dem Schlammassel heraus katapultiert und kam unverhofft in die Position eines fast absolutistischen Herrschers. Ein Wechsel, wie er extremer nicht hätte stattfinden können. Aus extremer Ohnmacht heraus kam er in eine schier nicht mehr zu toppende Position der Macht und der Verantwortung hinein. Wieder zu einem von Gott gegebenen Zeitpunkt. Einem Zeitpunkt, der menschlich nicht vorhersehbar war.

Klarer Fall: all das, was so unsagbar schlecht und hoffnungslos ausgesehen hatte, war nichts anderes als ein ungewöhnliches göttliches Beförderungsprogramm gewesen. Sehr unorthodox, zugegeben. Aber dafür auch sehr erfolgreich – und sehr schmerzhaft! Karriere also einmal ganz anders.
Aus den Schwierigkeiten seines Lebens, dem „Bösen“, erwuchs etwas Gutes für alle Beteiligten – inklusive den Ägyptern. Durch seine Arbeit wurden Menschen einer riesigen Region vor dem sicheren Hungertod bewahrt. Er litt – aber Hunderttausende konnten gerettet werden. Jahre später sagt er zu seinen Brüdern:

Ihr zwar, ihr hattet Böses gegen mich beabsichtigt; Gott aber hatte beabsichtigt, es zum Guten zu wenden…
1.Mose 50,20

Das Beklemmende an der Story: Josef hatte etwa 13 Jahre lang keine Ahnung, was da eigentlich mit ihm passierte, was eigentlich gespielt wurde. Er wusste nicht, dass er dazu ausersehen war, eine spezielle Sonderbehandlung Gottes zu durchlaufen. Er wusste nichts von Gottes Beförderungsprogramm, von seinem Zeitplan und dem auf ihn wartenden göttlichen Zeitpunkt, dem „kairos“ seines Lebens. Er sah nur die wahrhaft ätzenden Umstände und all das, was sich an gewaltigen Ausweglosigkeiten wie ein Berg vor ihm auftürmte. Ich bin sicher, dass er oft der Verzweiflung nahe war und das Herzstück seiner Vision und seiner Träume in Frage stellte.

Trotzdem war die von Gott gegebene Vision echt und sein Lebensweg göttlich initiiert und geführt. Und Josef lief gut. Er bestand die Prüfung mit Bravour.

Aus Gottes Sicht lief durch die langen Jahre von Josefs Sklaverei und Gefängniszeit eigentlich alles „wie am Schnürchen“ - aber eben nur aus seiner Sicht. Weder Josefs Vater Jakob, noch seine Familie, noch sein Ex-Boss Potiphar, noch irgendein anderer Ägypter hatten auch nur den leisesten Schimmer einer Ahnung von den Vorgängen in und um Josefs Leben. Und Josef eben auch nicht.
Beneiden würden wir Josef auf keinen Fall. Auf dem Weg durch das Tal seines Lebens war es äußerst dunkel und entwürdigend. Aber er kam am Ziel an, kam genau dorthin, wo Gott ihn haben wollte und tat zum von Gott gesetzten Zeitpunkt genau das, wozu dieser ihn gebrauchen wollte.

Bei solchen Lebensgeschichten ist kein Platz für coole Filmtypen, die lockerlässig lächelnd einfach den nächsten Gang einlegen und souverän davonbrausen. Ich glaube nicht, dass Josef der Typ war, der mit klarem Blick und sturmzerzaustem Haar das Abenteuer suchte. Hier ging es nicht um Abenteuer oder darum, seine eigenen Grenzen zu spüren, an seine „edge zu kommen“. Hier ging es um alles, was Josef besaß. Seine Vision, seine Zukunft, sein Leben.

Glaube keinem Supermann-Klischee. Glaube nicht dem Mythos vom kernigen Typen, der so cool ist, dass es hinter ihm fast zu schneien beginnt. Ist dir übrigens schon einmal aufgefallen, dass uns die Bibel an keiner Stelle dazu auffordert „cool“ zu sein? Ganz im Gegenteil. Wir sollen „heiß“ sein, sollen brennen. Was immer das bedeutet, jedenfalls auf keinen Fall heißt es, dass wir unnahbar, fehlerlos, ultralocker, nie gestresst, nie angerührt, nie emotional  sein sollen. Die Bibel spricht von Leidenschaft, von Feuer, von Blut, von Tod, von Hingabe… und von Liebe.

Das Bild des coolen Helden, des braungebrannten Muskelmanns mit strahlenden Zähnen und in Rekordzeit erklommener Karriereleiter hat sehr viel dazu beigetragen, dass kostbare Männer und Frauen Gottes sich als Versager vorkommen. Als Nieten, Reservespieler, Verlierer.
Glaube dem Klischee nicht! Echte Männer und Frauen Gottes sind anders. Josef war ein echter Mann. Ein Mann, dem Gott ein Pensum an Machtfülle anvertraute, von dem heutige Politiker nicht zu träumen wagen würden. Er war Vizeherrscher über eine straff geführte Weltmacht. Und zwar auf Lebenszeit. Was sagt die heilige Schrift über seine Position?

…nicht ihr habt mich hierhergesandt, sondern Gott; und er hat mich zum Vater des Pharao gemacht und zum Herrn seines ganzen Hauses und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten.
1.Mose 45,8

In einer solchen Position konnte Gott nur einen wirklichen Mann gebrauchen. Einen Mann von Standhaftigkeit, unbeirrbar, weit blickend, visionär, aufrichtig, treu. Einen Mann des absoluten Vertrauens. Hast du mal darüber nachgedacht, dass es Josef ein Leichtes gewesen wäre, einen Staatsstreich anzuzetteln und die Herrschaftswürde an sich zu reißen? Als Herr über die Getreidevorräte wäre es ihm leicht gefallen, die Stimmung im Volk dementsprechend ein klein wenig zu manipulieren und zu steuern – siehe Absalom, der Jahrhunderte später genau das tat um seinen Vater David zu stürzen (2.Samuel 15).

Aber Josef war treu. Gott wusste es. Josef hatte sich durch die Situationen seines Lebens als geeigneter Kandidat erwiesen. Er hatte dienen gelernt und Versuchungen widerstanden.
Treu zu sein ist Millionen mal mehr wert als nur cool zu sein. Josef musste durch eine äußerst harte Schule gehen – und er bewährte sich. So gebrauchte Gott ihn um Hunderttausende von Menschen vor dem sicheren Hungertod zu retten und zum großen Segen für seine Familie zu werden.
Eines der wesentlichen Kennzeichen eines treuen Menschen finden wir in 2.Timotheus 2,24 (Lutherbibel):

Ein Knecht des Herrn aber… der Böses ertragen kann

Kannst du Böses ertragen? In diesem Wort steckt, wie unschwer zu erkennen ist, der Begriff „tragen“ drin. Tragen heißt, eine Last zu bewältigen. Etwas zu tragen ist eine Willensentscheidung. Man sagt „Ja“ zu der Last und nimmt sie auf. Das ist etwas anderes, als sie zu verleugnen, abzuwerfen oder sie jemand anderem zuzuschieben.

Ich denke, wir wissen, was damit gemeint ist, Böses ertragen zu können: Ungerechtigkeiten aller Art, Verleumdung, Spott, Lüge, unfaire Behandlung, Gemeinheiten, Mobbing und vieles, vieles mehr.

Gott sieht es durchaus als sehr positiv an, wenn Menschen dieses Böse ertragen können, wenn sie be-last-bar und trag-fähig sind. Gott braucht Menschen, die erprobt sind, die unter der Last, unter dem Bösen, unter den widrigen Umständen, nicht zusammenklappen und aufgeben oder zu murren beginnen und letztlich Gott anklagen. Es ist gut, belastbar zu sein. Es ist gut, etwas tragen zu können. Es ist gut, ohne Murren durch seine persönliche Wüste hindurchwandern zu können.
Wer weiß, welche Position Gott für dich vorgesehen hat und wie weit du in seinem speziell für dich zugeschnittenen Bewährungs- und Belastungsprogramm schon vorangekommen bist?
Du magst nur Probleme, Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten sehen, wenn du dem Herrn treu nachfolgst – aber aus Gottes Sicht läuft wahrscheinlich auch bei dir alles „wie am Schnürchen“.

Josef wurde binnen Stunden aus dem Ort völliger Ohnmacht und Unbedeutendheit in seine künftige Position hineinkatapultiert. Er wusste 24 Stunden vorher noch nicht, was auf ihn zukommen würde, er ahnte nicht einmal etwas davon. Rein politisch gesehen war die Spontanentscheidung des Pharao, Josef dergestalt zu befördern, ja eigentlich der blanke Wahnsinn. Der Mann war Ausländer, Sklave, saß mit dem Vorwurf, dass er sich an seiner Herrin vergehen wollte, im Gefängnis. Und er war mit seinen 30 Jahren noch verhältnismäßig jung. Alles was er geleistet hatte, war einen Traum zu deuten und einen guten Tipp zu geben. Die leichtfertige Entscheidung des Pharao ist nur dann nachvollziehbar, wenn man davon ausgeht, dass Gott seine Hand hier ganz massiv im Spiel hatte. Gott war es, der Josef beförderte, nicht der Pharao. Denn jetzt genau war Gottes Zeitpunkt. Und Gott hatte es zuvor auch zugelassen, dass seine Brüder ihn einst verrieten, dass er als rechtloser Sklave verkauft wurde, dass er verleumdet wurde und jahrelang im Gefängnis sitzen musste.

Gottes Zeitpunkte und Trainingsmethoden sind eben anders als unsere. Sie sind anders als das, was wir uns wünschen und erbeten. Wir hätten es so oft gerne schnell, bequem und schmerzlos. Zu einem Zeitpunkt, der uns sinnvoll erscheint. Gott aber sieht unseren Charakter an, unser Wesen, unser Fleisch und entscheidet sich im Regelfall eher dazu, etwas herzhafter zuzugreifen, etwas kerniger anzupacken. Das mögen wir nicht, wir hätten es lieber auf die sanfte Tour, ganz weichgespült – aber Gott weiß, wie man etwas anfassen muss, damit etwas Brauchbares dabei herauskommt. Etwas Wertvolles. Etwas wie Josef.

Seine Story hat sich in abgewandelter Form in Millionen und Millionen von Menschenleben wiederholt. Im Leben hingegebener, gehorsamer Christen, die den Herrn aus vollem Herzen lieben und ihm dienen. Die Kirchengeschichte ist voll von Berichten über Menschen, die dranblieben und durch die größten Widrigkeiten durchkamen. Und die Bücher des Himmels sind gefüllt mit den Namen einer Unmenge namenloser Überwinder. Menschen, die durch die „Gefängniszeiten“ ihres Lebens gingen, treu und gehorsam, um letztlich in das hinein zu gelangen, was Gott für sie bereitet hatte. Menschen, die zu dem von ihm vorgesehen Zeitpunkt bereit waren, einsetzbar waren, zur Verfügung standen.

Mein Tipp: lerne von Josef. Sei dir bewusst, dass deine schwere Situation, mag sie auch noch so ausweglos erscheinen, nichts anderes ist als dein persönliches Beförderungsprogramm. Gott hat es speziell auf dich zugeschnitten, magst du das mögen oder nicht. Josef mochte seine „Schulzeit“ sicherlich nicht.

Deshalb: bleib dran. Es lohnt sich. Gott hat einen „kairos“ für dich. Er bereitet dich vor. Seine Prüfungen sind gut.
Gib nicht auf! Verpass nicht die Berufung deines Lebens. Warte auf Gottes Zeitpunkt. Er wird kommen. Vielleicht ganz plötzlich und unerwartet, wie damals bei Josef.

Gott hat mehr für dich… viel mehr!

Ich aber, ich habe auf dich vertraut, HERR; ich sagte:
Du bist mein Gott! In deiner Hand sind meine Zeiten…
Psalm 31,15-16

 

© Sigrid und Martin Baron
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