Freude an einem Tag wie diesem?!

Sigrid Baron

Die Wochen mit ihren hochsommerlichen Temperaturen sind einfach genial. Ein langer, arbeitsreicher Tag liegt hinter uns. Wir sitzen gemütlich in unserer kleinen Gartenlaube zusammen und lassen so manche Dinge von heute an uns vorbei ziehen. Was war wichtig, was unwichtig? Wo hat uns der Feind erwischt, wo sind wir standhaft geblieben?

Ein Wort beschäftigt uns, das im Gebet in unsere Herzen kam: „Freude“!
Na, das ist ja nicht gerade ein schwieriges Thema (sollte es auch für uns Christen nicht sein), davon können wir ja alle „ein Liedchen singen“.
Selbst die Werbeindustrie gibt Millionen aus, um uns die ewig lächelnden Gesichter mit makellosen Zähnen, von zuversichtlich entspannten, immer dynamisch jungen (selbst bei den Pseudosenioren), sportlich schlanken und gut verdienenden Menschen, täglich ganz gesund zu servieren. Frei Haus- versteht sich!

Wir beschließen, in den nächsten Tagen gleich mit unseren Artikeln zum Thema Freude zu beginnen. Nur für heute Abend legen wir erst mal alles ein bisschen zur Seite. Für mich heißt so etwas immer: mal sehen, was sich heute Nacht – falls ich mal wieder nicht so gut schlafen sollte – zu diesem Thema ergibt.

Im ersten Denkanflug zeigt sich, dass wir Christen über einen reichen Schatz an „Freudenliedern“ verfügen können. Ich glaube, wenn du diese Zeilen liest, fällt dir spontan auch ein Lied über die Freude ein, stimmts?  Das ist gut so. Wir brauchen Freudenlieder. Und besonders dann, wenn es nicht so sonnig in unserem Leben hergeht, sondern eher schwül-heiß. In heftigen Zeiten fielen mir oft Lieder ein, die mich getröstet haben, und die über die Freude gesungen haben, und dass Gott größer ist – auch als mein Herz. Manchmal scheint es mir, als würde ich solche Lieder fast mit ein wenig innerem Kleinkindtrotz singen. Einfach, um dem „dennoch bleibe ich an dir!“ eine feste Grundlage zu geben. Viele Liederdichter haben gerade in Zeiten heftigster Bedrückung Freuden- und Zuversichtslieder gedichtet und in die Gemeinde getragen.

Als unsere Kinder klein waren, lernten sie ein Lied in der Kinderstunde, das wir alle aus vollen Kehlen gesungen haben: „Ein neuer Tag beginnt und ich freu mich, ja, ich freue mich. Ein neuer Tag beginnt, und ich freu mich, Herr, an dir!“

Und am nächsten Tag beginnen gleich die Herausforderungen in Punkto „Freude“. Am Frühstückstisch war die Laune der weiblichen Teilnehmerinnen – wegen Bagatellen – auf dem Nullpunkt angekommen. Grund: Abistress bei der einen, Migränekopfschmerzen bei der anderen. Der dritte klagte über heftige Halsschmerzen, was die Mutter (wegen früherer Stressereignisse diesbezüglich) in etwas Panik versetzte. Nachdem jeder sein Quantum in die eine oder andere Richtung bekommen hatte, waren alle unterwegs. Endlich!
Eigentlich wollte ich jetzt über „die Freude“ schreiben. Es kann doch wirklich nicht so schwierig sein. Aber irgendwie bin ich noch in den morgendlichen Rangeleien hängen geblieben. Mal sehen…!

Mein Sohn ruft mich weinend aus der Schule an. Ein Mitschüler hat ihm einen heftigen Hieb auf Auge und damit Brille versetzt. Nicht nur dort bildet sich eben jetzt ein Bluterguss, in seinem Herzen sieht es ähnlich aus. Es ist nicht die erste Attacke in dieser Richtung und einige Gespräche mit Lehrern sind schon geführt worden. Leider erfolglos. Ein Arztbesuch – wegen der nötigen Dokumentation – war nötig und viel Trost und Ermutigung für die angekratzte Seele.

Kurz wieder daheim, kommt die angehende Abiturientin völlig am Boden zerstört nach Hause, weil eine Lehrerin sie in einem Fach über die Maßen schlecht bewertet hat. Unfair und wirklich deprimierend. Innerlich mache ich mir so meine Gedanken über „die Freude“. Wo hat sie sich heute nur versteckt?

Ich mache mich ans Aufräumen. Manchmal eine gute Tätigkeit. Man kann dabei auch seine Gedanken sortieren, aufräumen, wegräumen. Den Herrn belagern mit Bitten und Flehen, dass er doch eingreifen und seinen Frieden in unsere Herzen geben möge.
Heute Abend werde ich bestimmt über manches lächeln und dann…!

Ich gönne mir eine kleine Kaffee- und Nachdenkpause. Die „Freude“ lässt mich nicht los.
Da kommt mir etwas ganz Wichtiges in den Sinn. Ja natürlich, daran habe ich doch schon 21 Jahre studiert: es war damals – und ist bis heute – mein Rhemawort, unsere Hochzeitsverse aus Philipper 4:

Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: freuet euch!

Wir waren glücklich verliebt in Hochzeitsplanungen und wählten diese Lebens- (oder besser: Überlebens-) Verse für uns aus. Im Eigentlichen waren wir ja nur auf den Passus mit der  Freude aus. Die anderen Verse, die kamen danach, ja, sicher wichtig, aber heute ging es doch um ganz andere Sachen. Die Freude war einfach da, in Herz und Sinn und besonders in den Gefühlen. Da konnte doch nur alles jeden Tag voller Freude sein. Wir zwei schaffen das und sollten ein paar Wölkchen vorbei kommen, die verkraften wir schon…!

Das dort auch die  Rede ist von „Bitten im Gebet mit Flehen und Danksagung“ oder von „Sorgt euch nicht, bittet mich um meinen Frieden, der euch ganz erfüllen wird“, geschweige denn „Der Herr ist nahe“ (bitte jetzt noch nicht, Heiraten ist doch so schön!) das hatten wir zu diesem Zeitpunkt etwas ausgeblendet.

Doch dann erteilte uns der Herr mit diesem Abschnitt aus dem Philipperbrief die Bibelstudium-Lektionen für unser Leben. Ich hielt mich an meiner Kaffeetasse fest, als die Erinnerungen und Ereignisse dieser ersten Ehejahre an mir vorbei zogen.

Die erste Schwangerschaft sollte bereits nach vier Wochen abgebrochen werden. Gegen den ärztlichen Rat haben wir aber das Baby behalten wollen. Das zweite Kind wurde mit nur einer Niere geboren. Und das dritte Kind musste nach einer sehr problematischen Schwangerschaft am 5. Lebenstag wegen Atemstillstand wieder belebt werden. Alle drei Kinder wurden per Kaiserschnitt entbunden. Bis heute ist dieser Bereich, der unsere Kinder betrifft, heftig vom Feind umkämpft und attackiert. Es vergeht nahezu kein Monat, in dem es nicht zu irgendwelchen Problemen kommt.

Mittlerweile wird es Zeit, die Kleinigkeiten dieses Tages in den praktischen Aspekten zu erledigen. Das kommt mir gerade recht, es ist besser, bei diesen Erinnerungen eine kleine Pause einzulegen, denn wenn der Herr uns Studieraufgaben gibt, dann tut er das inklusive Prüfungen (darüber hatte ich ja schon ausführlich berichtet). Die Prüfungen unseres Lebens kamen in stetiger Regelmäßigkeit, mit mal kleineren, mal größeren Ausmaßen. Und das Zurückdenken an diese Prüfungen fällt mir mitunter nicht so ganz leicht. Ich frage mich: worin ist da die Freude zu finden?

Wieder sind ein paar Tage vergangen. Die derzeitigen Umstände sind wieder einmal dabei, die Beschäftigung mit dem Thema Freude zum Schweigen zu bringen. So schnell wollen uns Sorgen und Mühen des Alltages (Paulus spricht von der „Bürde“, die wir ablegen sollen) der Freude berauben. Es ist mir schon klar, Freude ist ein gefährliches Thema, das ganz oben auf der Agenda des Feindes steht und das er mit seinen tödlichen Absichten attackiert.

Freude gehört wie Friede, Freiheit oder Liebe zu den wichtigsten Eckpfeilern unseres Lebens. Jeder Mensch möchte darin leben, am liebsten jeden Tag, immer, spürbar. Aber diese tragenden Elemente unseres Lebenshauses brauchen ein gutes, starkes, stabiles, ausgerichtetes Fundament. Ohne das wird unser Leben schnell brüchig, haltlos, unbelastbar.

Ich habe von einem Mann gelesen, der ein interessantes „90 Tage Experiment mit der Freude am Herrn“ gemacht hat. Das heißt, er wollte sich 90 Tage lang an Gott und an dem, was er getan hat, freuen. Warum gerade 90 Tage? Er meinte, dass es mindesten so lange dauern würde, um seinen Charakter zu verändern. Er wolle nicht nur eine kleine „Wetterveränderung“, sondern einen Klimawechsel erreichen. Ein Beispiel, das er nannte, hat mir gut gefallen. Viele Leute würden sagen: „Aber man kann sich doch nicht die ganze Zeit freuen!“ Darauf antwortete er: „Aber warum denn nicht? Warum nehmen wir nicht Gottes großartiges Geschenk für unser Leben wie ein großes Stück Wassermelone in die Hand, lassen uns das saftige, süße Fruchtfleisch auf der Zunge zergehen und spucken den ungenießbaren Rest einfach aus? Warum knabbern wir immer trübsinnig auf den Samenkörnern und der harten Schale herum?“

Nach einigen Tagen bemerke ich, dass es mir gar nicht so leicht fällt, so flott weg über dieses Thema zu schreiben. Ich mag keine Melone, aber um im Beispiel zu sprechen: ich kaue kräftig auf der Schale herum.

Also hole ich mir meine „Glaubens-Sieg-und-fette-Beute-Bücher“ heraus. Das sind meine persönlichen Mitschriften, Gebete und Gebetserhörungen, besondere Worte von Gott…, einfach: glaubenstärkende Texte für mich. Aber beim blättern darin stellte ich fest, da ist Seite um Seite gefüllt mit allen möglichen Themen. Es geht um Gnade, Vision, Prinzipien Gottes, Befreiung und Wiederherstellung, Liebe, Buße, Versöhnung … Es nimmt schier kein Ende. Alles sehr ermutigend – doch verblüffend wenig über Freude. Und doch: alles wirkt zusammen, alles ist mit Freude verbunden, sie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Themen unseres Lebens und unserer Veränderung in „sein Ebenbild“ hinein. Und das ist zum Freuen!

Die Freude ist viel mehr als das Gefühl, das wir so gerne wahrnehmen. Sie ist eine Gesinnung des Herzens, ein Überzeugtsein in Gedanken und Herz, das uns prägen und das unsere Erfahrungen beherrschen soll. Paulus war die Aussage „allezeit freuen“ so wichtig, dass er sie gleich noch einmal wiederholt. Es war ihm dringlich. Denn doppelt geschrieben bleibt besser im Gedächtnis. Ich denke, dass wir besonders bei dem Wort „allezeit“ unseren Zweifeln gleich Raum geben. Und doch ist es eine Aufforderung, die von Gott kommt. Wenn sein Heiliger Geist in uns lebt, kann Freude in uns regieren. Freude hat Ewigkeitsperspektive. Wir können uns wirklich und real freuen, weil wir an Seine Quelle angeschlossen sind. Es ist keine eigene Leistung nötig, sondern wir schöpfen aus seinen Kraftquellen, seinen Freudequellen.

Mittlerweile war der Tag gekommen, an dem ich den reichlich angestauten Wäscheberg wegbügeln wollte. Ich mag Bügeln. Da kann man die Dinge so glatt streichen, Falten ausbügeln, den Sachen Form geben. Es ist warm, duftet angenehm frisch und neu und alles wird vom Chaos in einen überschaubaren Stapel gebracht (hast du jemals Bügeln so gesehen? Ich weiß, es gibt Menschen, die diese Tätigkeit nicht gerade lieben, aber vielleicht änderst du deine Meinung?). Außerdem lassen mich alle dort unten in meinem Kellerräumchen alleine – es könnte ja sonst Arbeit verteilt werden, wo doch eigentlich keiner Zeit dazu hat…!
Ich brauche auch für meinen Text noch Überblick, Sortierung, Formgebung.

Ich hatte wieder einmal erfahren, dass die Freude tatsächlich geraubt werden kann, wenn ich es zulasse, vielleicht nicht genug darauf aufpasse, sie nicht sorgfältig und gewissenhaft behüte.
Es ist eine Herausforderung an uns alle – mehr denn je – Depression, negativen Ansichten, Freudlosigkeit, Angst, entgegen zu treten. Den Tank voll zu haben, sozusagen. Eine tiefe Gewissheit erfüllt uns:

„Das habe ich erkannt, dass der Herr für mich ist!“
Psalm 56,10

Endlich komme ich zum Schreiben und langsam nimmt der Artikel Form an. Aber für mich ist es eher eine Bewusstmachung von dem, was Gott eigentlich in mein Leben gelegt hat, nämlich: „Freue dich in mir – immer, jeden Tag!“ Da war die liebevolle Zusage, die mir Jesus gab: „Ich habe Freude, die ich dir geben will. Mach dein Herz weit auf, ich werde es füllen!“
Ich nehme mir vor, in Zukunft ein wachsames Auge auf die Freude zu haben, sowohl im Lesen, als auch im Hören und Empfinden. Ich will genau hinhören, wenn Menschen mir über ihre Erfahrungen mit der Freude berichten und mich mitfreuen, wenn sie den Sieg über die Umstände ihres Lebens erlebt haben und jubeln über Gott und dass sie es mit ihm geschafft haben.

Und da bin ich wieder am Anfang meines Briefes angelangt. Aus der richtigen Perspektive gesehen, stimmt es: „Smile, it’s a brand-new day!“.
Du darfst dich freuen, heute, jetzt, über das, was der Herr mit deinem Leben vorhat. Es ist ein Tag, wo du in seinen Spuren läufst.
Ein neuer (neugeborener), noch nie da gewesener Tag, für dich geplant und die, die mit dir sind.
„Ein neuer Tag beginnt, und ich freu mich, Herr, an dir!“

 

© Sigrid und Martin Baron
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