Einmal Emmaus und zurück!
Sigrid Baron
Alles hatten sie dran gegeben und waren dem Einen nachgefolgt, der ihr Herz erwischt hatte, der ihnen Leben verheißen hatte. Wunder und Zeichen hatten sie bei ihm gesehen, ja, er war wirklich „mächtig im Werk und Wort vor Gott und dem ganzen Volk“ gewesen (Lukas 24,19).
Doch heute?

Die beiden Männer sind an diesem Spätnachmittag traurig unterwegs. Sie gehen zurück zu dem Ort, von wo aus sie vor so langer Zeit, wie es ihnen scheint, gestartet waren, um nie wieder dorthin zurückzukehren. Und zwölf lange, einsame Kilometer mit schweren Herzen und verwirrten Gedanken liegen noch vor ihnen. Sie spüren nicht nur die körperliche Müdigkeit der letzten Wochen, nein, es ist viel mehr die innere Erschöpfung, die sich in ihnen breit macht und die ihnen schwer zu schaffen macht. Denn auf ihrem Weg ist kein Ausweg mehr in Sicht. Man sagt ja, „die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Doch die Hoffnung dieser beiden Männer ist tatsächlich gestorben, ist zerstört und was sie im Herzen bewegt, ist nur eines: die beunruhigende Frage nach dem „Warum“, nach dem „Sinn in dem Ganzen“, das sie erlebt haben. Gibt es überhaupt einen Sinn darin?
Sie haben alles auf eine Karte gesetzt und sich voller Glauben an Ihn gehängt. Sie sind Ihm nachgefolgt, Ihm, der ihrem Leben Hoffnung und Zukunft, eine neue Vision gegeben hat. Und das nicht nur ihnen, nein, es war eine Vision, die die ganze Welt erreichen und verändern sollte. Der Retter war gekommen. Das Licht war über denen, die im Dunkel leben, heilsam erschienen. Sie hatten zu denen gehört, die in engem Kontakt zu dem Meister und Lehrer gelebt und offene Ohren und Herzen für sein Reden gehabt hatten.
„Hatten!“ War das nicht ein schreckliches Wort?
Es waren schreckliche Dinge passiert. Unfassbare Dinge. „Jesus ist tot!“ Es gellt noch jetzt schrill in ihren Ohren. All das, was Ihnen wichtig war, worauf sie ihre Hoffnung, ihre Zukunft, ihre Träume gesetzt hatten – es zerplatzte wie eine Seifenblase im Wind.
Kennst du solche Situationen in deinem eigenen Leben?
Es macht einfach alles keinen Sinn mehr. Deine Hoffnungen und Erwartungen sind geplatzt und so hast du dich für den Rückzug entschieden. Vielleicht stehst du gerade jetzt in einer heftigen Krankheitssituation oder in einer anderen Krise, die dein Leben mit einem Schlag zu begrenzen droht. Du hast das Gefühl, alleine gelassen zu sein und empfindest eine entsetzliche und beklemmende Hoffnungslosigkeit. Aber das Schlimmste ist, dass du dich fühlst, als ob der Herr aus deinem Leben verschwunden ist. Er ist weg. Er, an den du dein Herz und Leben gehängt hast. Er, auf den du dich verlassen hast. Er, der dein Fundament war, das nun bedenklich instabil wackelt.
Und dann kommt der Feind ganz leise und stellt die Dinge, die dir wichtig sind, in Frage: „Was hat dir das Ganze gebracht? Komm, gib auf, es lohnt sich ja doch nicht! Mach dir keine Hoffnung, es wird nicht mehr besser. End of story.“ Und dann treffen wir eine Entscheidung und beschließen in unserem Herzen: „Ja, ich gehe zurück!“
Auch die beiden Männer haben Jerusalem und den chaotischen Ereignissen der letzten Tage den Rücken gekehrt. Ihre Schritte sind schleppend, ihre Köpfe gesenkt. Sie wagen kaum, den Blick zu erheben. Im wahrsten Sinne des Wortes wurden ihre Hoffnungen „durchkreuzt“. Und während sie sich unterhalten, über all das Erlebte reden, diskutieren und das Unbeschreibliche in Worte zu fassen versuchen, um sich im gegenseitigen Austausch zumindest etwas zu trösten, bleibt doch die entsetzliche Frage nach dem Sinn des Ganzen. Warum nur ist all das geschehen? Warum?
Aus persönlichen Gesprächen mit vielen Menschen, die sich in Nöten befinden, weiß ich, dass sich die eigentlichen Fragen in schweren Lebenssituationen letztlich immer um das „Warum?“ drehen. Wir erleben diese Frage so sehr schmerzhaft und fast immer scheint es keine Antwort zu geben. Viele Menschen fühlen sich dabei, als ob sie in einem Raum ohne Fenster und Türen eingesperrt wären, eingeschlossen in eigenem Schmerz und einer gnadenlosen Ohnmacht.

Was ich dir sagen möchte, ist jedoch: auch wenn du diesen Schmerz eine Weile aushalten musst, weil der Herr deine Frage (noch) nicht beantwortet, gib nicht auf! Gib nie auf! Halte die Spannung aus – du wirst dadurch letztlich belastbarer – und vertraue trotz allem weiter, dass Gott alles in Kontrolle hat und es zum Guten wenden wird. Bleibe auf dem Weg, den du begonnen hast, du wirst zum Ziel kommen, weil Gott dir versprochen hat, dich niemals alleine zu lassen, an jedem einzelnen Tag, bis ans Ende der Zeit. Kehr nicht um, geh nicht zurück! Und bleibe im Gespräch. Suche dir jemanden, mit dem du über deine Befürchtungen, deine Ängste und deinen Schmerz sprechen kannst. Über deine Versäumnisse, Schuldgefühle und deine zerstörten Hoffnungen. Höre seinen Rat und Trost. Du brauchst jemanden auf deiner Wanderung, der einfach da ist, der neben dir geht und der dir zuhört. Für mich ist Psalm 23 immer tröstlich gewesen:
Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.
Psalm 23,4
Sprich diesen Vers immer wieder in deinen Sinn hinein – vielleicht gerade auch entgegen all dem, was sich vor deinen Augen abspielen mag – denn es ist gut, mit deinem Mund den Herrn zu ehren. Du wirst sehen, es wird Dinge verändern.
Der Ausweg auf dem Weg
Zu den beiden Wanderern auf dem Weg gesellt sich ein dritter. Irgendwie ist er auf einmal da. Sein Mitgehen ist von den zwei Männern eigentlich gar nicht richtig wahrgenommen worden. Ist er schon lange bei ihnen? Ist er vor oder hinter ihnen gegangen? Hat er gehört, worüber sie sich Gedanken machen? Er macht ganz und gar keinen betrübten, nachdenklichen Eindruck und die beiden drücken ihr Erstaunen darüber aus:
Bist du der Einzige, der in Jerusalem weilt und nicht weiß, was dort geschehen ist in diesen Tagen?
Lukas 24,18
In Vers 16 heißt es, „dass ihre Augen gehalten wurden“, so dass sie Ihn nicht erkennen können. Sie sind fixiert auf diesen undurchdringlichen Nebel von Gedanken, Erinnerungen, Verwirrung, Schmerz und der Katastrophe des Undenkbaren, des Kreuzestodes Jesu. Dass gerade in diesem Tod am Kreuz, in der Katastrophe, am Endpunkt aller menschlichen Möglichkeiten, der Beginn eines neuen Lebens liegt, erfassen die beiden Männer nicht.
Das, was wir denken, entspringt zumeist dem, was wir mit unseren Augen ansehen, worauf wir schauen, worauf wir uns konzentrieren, wovon wir uns festhalten lassen, womit wir uns beschäftigen. Daraus leiten wir unsere Entscheidungen ab, gute wie schlechte. Deshalb rät uns die Bibel, dass wir aufsehen sollen auf Jesus, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens (Hebräer 12,2).
Jesus lässt die beiden Männer nicht so, wie sie sind – wie überaus tröstlich! Er fragt sie ganz direkt: „Was sind das für Reden, die ihr im Gehen miteinander wechselt?“ (Vers 17). Mit anderen Worten: mit was beschäftigt ihr euch, was bedeutet diese Notsituation für euch, was passiert da gerade in eurem Leben? Was habt ihr jetzt vor? Wohin wollt ihr jetzt gehen? Jesus will wissen, was sie bedrückt, worüber sie reden, was der Stein des Anstoßes auf ihrem Weg ist. Er sieht ihre Niedergeschlagenheit und hört ihre Hoffnungslosigkeit: „Wir aber hofften, dass er der sei, der Israel erlösen sollte!“ (Vers 21). Es scheint mir, dass die beiden Männer über soviel Interesse geradezu erleichtert sind und so beginnen sie das, weshalb sie sich einst auf den Weg gemacht haben, zu berichten: „Wir hatten gehofft…“
Was hilft uns, unsere Herzen wieder neu für Gott und sein Reden zu öffnen, die harte Kruste aufzuweichen, wenn sich Hoffnungen zerschlagen haben und ihm offen zu sagen, wie es um uns steht?
Hoffnung am Horizont

Wie macht Jesus den beiden Männern Hoffnung in ihrer Trübsal? Nun, zunächst beginnt er mit dem Zurechtrücken ihrer Gedanken (V.23). Sie hatten einfach ein falsches Gottesbild, Denkfehler, mangelnde Schriftkenntnis und ein unbewegliches „träges“ Herz, das nicht zuließ, dass sie den Retter, den Auferstandenen, erfassen konnten. Jesus fordert sie heraus, dass sie ihr Selbstmitleid und ihre depressive Haltung ablegen sollen, denn etwas Neues, nie da Gewesenes hatte begonnen.
Die Strategie des feindes zielt darauf ab, uns zu verleiten, uns zurückzuziehen in selbst gestrickte Gedanken und möglichst stehen zu bleiben. Mein Gebet ist, dass ich nicht im Herzen als zu träge, schlaff, unbeweglich oder verkrustet erkannt werde. In der Bibel heißt es:
Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.
Psalm 51,19
Jesus bemitleidet die Männer nicht, sondern erklärt ihnen den Sinn des Ganzen. Er legt ihnen aus, „was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war“ (Vers 25-27). Gott selbst musste durch Leiden – bis zum Kreuz – hindurchgehen:
…unsere Leiden - er hat sie getragen, und unsere Schmerzen - er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen eigenen Weg; aber der Herr ließ ihn treffen unser aller Schuld.
Jesaja 53,4-6
Es ist, glaube ich, das Unverständlichste für uns Menschen, wenn wir zu erfassen versuchen, dass Gott selbst litt, um sich mit unserem Leid vertraut zu machen. Er will, dass wir wissen, dass er uns in den Krisen, den persönlichen Nöten und unserem tiefsten Leid nahe ist!
Während die beiden mit Jesus sprechen, bahnt sich die Wende an. Buße bzw. Umkehr wird im Griechischen mit „neu denken“, „anders denken“ bezeichnet, mit Loslassen der alten Denkprozesse und sich öffnen für völlig Neues.
Umkehren heißt: umdenken!
Ein Pastor beschrieb es so: „Sie finden in der Begegnung mit dem noch nicht erkannten und auferstandenen Herrn einen Zugang zu ihm, als dem Gekreuzigten. Das Kreuz Jesu, das sie selbst ins Leiden brachte, zur Flucht getrieben und ihre Lebenspläne durchkreuzt hat, erscheint im Dialog mit Mose, den Propheten und der gesamten Schrift in einem neuen Licht!“ Jesus erklärt durch sein Wort das „Warum?“. Auf dem Exkurs durch die heilige Schrift wird ihnen vieles klar. Sie können sich selbst und das Schlimme, was ihnen widerfuhr, plötzlich in einem neuen Licht erkennen. Sie sind gar nicht allein und zurückgelassenen. Ihre Hoffnung glimmt neu auf. Gott erbarmt sich immer und immer wieder über seine Kinder und ihre – für sie schier ausweglos scheinende – Situation. In ihrem Herzen wird es heller. Und später sagen sie über diesen Wegabschnitt:
Brannte nicht unser Herz in uns, wie er auf dem Weg zu uns redete, und wie er uns die Schriften öffnete?
(Vers 32)
Als Jesus auf die Einladung der Männer, mit ihnen zu essen, eingeht, geschieht das eigentliche Wunder: sie werden sehend. Ganz plötzlich erkennen sie, wer und wie er wirklich ist. Die Freude darüber, dass er auferstanden ist und tatsächlich lebt, erfasst sie und setzt ganz neu Hoffnung und Vision frei. Plötzlich sind sie voller Unternehmungsdrang. Sie kommen im Natürlichen wie im Übernatürlichen in Bewegung. Und sie gehen nicht nur einen Schritt zurück, nein, sie laufen nonstop den ganzen Weg wieder zurück und beginnen ganz neu wieder genau an dem Punkt, an dem sie aufgegeben und sich deprimiert zurückgezogen hatten.
Vielleicht sagst du: „Ja, so wieder neu angezündet zu werden von Gott, das wär´s doch! Aber wie?“ Ich denke, es ist gar nicht so schwer. Das, was wir zu tun haben, ist, ihm neu die Tür zu öffnen, neu auf sein Wort zu hören, uns neu auf den Weg zu machen, nach ihm neu Ausschau zu halten und den Heiligen Geist neu in unser Leben einzuladen.
- Bleibe dabei, dich unter die Hand Gottes auf deinem Leben zu demütigen. Er weiß, was er tut.
- Bleibe im Lesen, Forschen, Fragen und Verstehen des Wortes Gottes. Der Heilige Geist will es uns gerne erschließen, wenn wir darum bitten.
- Bleibe dabei, den Heiligen Geist immer wieder und immer mehr um seine Führung in deinem Leben zu bitten.
- Bleibe dabei, um geöffnete Augen des Herzens zu beten (Epheser 1,18-23).
- Bleibe in der Freude des Herrn, lass sie dir nicht rauben, sie ist deine Stärke und unsagbar wichtig für dich.
- Bleibe in Lobpreis und Anbetung. Wir erheben dadurch Gott und sein Handeln an uns und schließen die Tür für den Feind.
Und, ganz wichtig: Habe Mut!
In allem sind wir bedrängt, aber nicht erdrückt; keinen Ausweg sehend, aber nicht ohne Ausweg; verfolgt, aber nicht verlassen; niedergeworfen, aber nicht vernichtet.
2.Korinther 4,8-9
© Sigrid und Martin Baron
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- Eingeschlossen oder ausgeschlossen.
- Einmal Emmaus und zurück.
- Erfüllt von Freude.
- Freude an einem Tag wie diesem.
- Gold für die Ewigkeit.
- Gottes job-description.
- Kampf und fette Beute.
- Karriere ganz anders.
- Maria - Neubeginn.
- Ohne Kampf kein Sieg.
- Unterwegs in das Land der Verheißung.
- Vom Zerbruch zum Aufbruch.
- Was feiern wir an Weihnachten.
- Zeit.