Nebelsonne
Sigrid Baron
Es ist früh am Morgen. Kalt und neblig zeigt sich der Garten und vom Apfelbaum fallen kleine Tautropfen auf das grün-braune Gras. Heute ist es ziemlich kalt, obwohl wir ja eigentlich immer noch auf „den“ Winter warten.

Den Gang zum Thermometer empfinde ich – so kurz nach dem Aufstehen – als eine kleine Zumutung. Warum wollen wir eigentlich immer so genau wissen, wie kalt oder warm es gerade ist, wenn wir es an uns selbst doch durch und durch zu spüren bekommen? Schnell schließe ich die Tür und ziehe meine Jacke fester um mich. Es sind noch einige Dinge zu organisieren, bevor der Tag mit Frühstück und seinen nachfolgenden Ereignissen beginnt. Der Kaffeeduft breitet sich in der Wohnung aus, und sorgt damit für ein etwas behaglicheres Gefühl.
Alle Eltern wissen, wie sich ein Frühstück mit der Familie vor einem stressigen Schul- und Arbeitstag gestaltet. Da gibt es schon so viel zu trösten, zu schlichten, zu ermutigen und aufzumuntern. Aber irgendwann, wenn sich der Zeiger der Uhr einem gefährlichen Zeitpunkt nähert, verlassen wir die noch immer nicht ganz warm gewordene Wohnung, um im kalten Auto unterwegs zu sein.
Der Nebel ist ziemlich dicht. Man kann nur wenig sehen und es ist etwas anstrengend, sich auf die richtige Seite der Straße zu konzentrieren und durch die eng geparkten Autos zu fahren.
Es ist ein sonderbares Licht, das wir wahrnehmen, als wir den Ort verlassen. Ganz oben über den dichten Nebelschwaden scheint das Licht direkt auf den dicken Wolken zu liegen. Ein paar Sonnenstrahlen, die sich fast verloren durch den Dunst der feuchten Luft einen Weg bahnen wollen. Wir werden ja sehen, ob es doch noch ein schöner Tag werden wird. Aber das braucht Zeit.
Wir schlängeln uns mit all den anderen Lernenden und Arbeitenden durch die Stadt, und kommen endlich an. Ich wünsche den Kindern einen klaren, sonnendurchfluteten und „unnebeligen“ Tag. Einen Tag, der durchdrungen ist von Klarheit, um gut zu lernen und um die Dinge, die es zu lernen gibt, gut aufzunehmen. Ich habe den Eindruck, dass wir alle von meinen Worten noch nicht so ganz überzeugt sind. Wie denn auch, wenn man rundum nur im dichten Nebel festzustecken scheint. Nebel ist einfach ein „Noch-nicht-so-genau-wissen“.
Als ich auf dem Rückweg bin, und immer höher komme, lichtet sich der Nebel um mich herum und ganz plötzlich und unerwartet bin ich jäh von einem strahlend hellen, blendenden Licht umgeben. Vor mir breitet sich eine satte grün-braune, frühlingshafte Herbst-Winterlandschaft aus. Es ist einfach genial anzusehen!
Einen größeren Gegensatz gibt es fast nicht. Es hat etwas Majestätisches an sich. Ich muss anhalten, um diesen Augenblick zu genießen. Ich weiß, dass dies immer nur kurze Augenblicke und Gelegenheiten sind. Wir sollten sie unbedingt in uns aufnehmen, weil sie unser Herz mit Dankbarkeit über Gottes geniale Kreativität in seiner Schöpfung erfüllen.
Ich schaue auf den Ort unter mir. So viele Menschen, die da im Nebel leben – geht es mir durch den Kopf. Sie wissen nichts von der Sonne, die oben in der Höhe scheint. Menschen, die herumtasten, frierend, suchend. Die, wenn sie laufen, immer einen Schritt in die falsche Richtung gehen, ohne vom Licht des Lebens berührt worden zu sein. Würden sie einen neuen Anfang wagen, einen Neubeginn, würden sie umkehren, könnten sie im Licht leben, das Licht genießen, sich wärmen in den Stürmen und der Kälte des Lebens.
Einen Neubeginn zu wagen, heißt, dem nachzufolgen, der von sich selbst bezeugt, dass er das Licht und das Leben ist.
© Sigrid und Martin Baron
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